Guereo, Senegal
Ein Ort am Ende der Straße
Guereo liegt zwischen Popenguine und Somone, rund 70 Kilometer südlich von Dakar. Im Süden begrenzt die Lagune mit der Mündung der Somone den Ort, im Norden die Klippe des Cap de Naze. Eine Küstenstraße gibt es deshalb nicht: Guereo liegt in einer Sackgasse, 14 Kilometer von Sindia und der Nationalstraße N1 entfernt, und bis vor wenigen Jahren waren die letzten sieben Kilometer nicht einmal asphaltiert. Für die Menschen hier ist das mühsam, für die Natur ein Segen.
Erzählt von Ingrid Robbe, Vorsitzende des Vereins

2. Februar 2015Guereo zwischen Buschland und Meer, rechts am Horizont das Cap de Naze.
Wo das liegt
Guereo liegt an der Petite Côte, der Küste südlich von Dakar. Die Vögel der Lagune kommen zum Teil aus dem Münsterland, anderthalb Autostunden von Krefeld.
Karten: eigene Darstellung. Küste: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL). Übersicht: Natural Earth.
Was man hier sieht und hört
Als ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal nach Guereo kam, war der Ort ohne Übertreibung ein Naturparadies. Mit eigenen Augen habe ich verschiedene Affenarten gesehen, Ginsterkatzen, Warane, Schlangen, Skorpione, Schakale und unfassbar viele Vogelarten.
Die Landschaft wechselt auf engem Raum: Dünen in Küstennähe, Lateritböden auf den Hügeln, tiefgründige, ackerfähige Böden im Schwemmland und am Fuß der Hügel. Alte Ackerflächen, seit jeher von Hecken umgrenzt, stoßen an das Buschland der Trockensavanne.
Was mich bis heute am meisten berührt, ist die Stille. Zu hören sind nur natürliche Geräusche: das Rauschen des Meeres, das Hufgetrappel der Pferdekarren, das I-A der Esel, die Herden von Ziegen und Zeburindern und ein Vogelgesang, der ganz anders klingt als bei uns in Europa. Für mich hat dieser Ort eine heilende Kraft.

Die Klippe des Cap de Naze, die Guereo im Norden begrenzt.

17. Januar 2023Am Meer. Draußen fährt eine Piroge mit Fischern.

15. Februar 2023Zwei Schakale. Sie gehören zu den Tieren, die hier noch Platz finden.
Was dem Ort zusetzt
Vieles davon ist geblieben. Aber seit fünf bis zehn Jahren wird es weniger. Der Bauboom, der das ganze Land erfasst hat, verbraucht Flächen, zerstört wertvolle Lebensräume und zerschneidet die Verbindungen zwischen ihnen. Jedes Grundstück wird mit einer 1,80 Meter hohen Mauer umgeben, ohne einen Durchschlupf für kleine Tiere, und nimmt so mehr Lebensraum, als ein Haus allein es täte. Verloren gehen auch gute Ackerböden, auf denen früher vor allem Hirse wuchs und die Ernährung sicherte.
Eine Raumplanung, die zwischen Bauland, wertvollem Ackerland und schützenswerten Biotopen abwägt, gibt es nicht.
Seit einigen Jahren kommt das Licht dazu. Dass es im Dorf erstmals Straßenlaternen gibt, ist gut. Aber mit LED-Technik werden inzwischen auch die vielen neu bebauten Grundstücke außerhalb des Dorfes beleuchtet, meist mit extrem hellem, kaltweißem Licht, das noch auf Hunderte Meter blendet, mitten in Natur- und Vogelschutzgebieten. Gelbes Licht, nach unten gerichtet und in maßvoller Stärke, würde genügen, um das Problem zu reduzieren.

31. Januar 2023Acht Jahre später, wieder mit dem Cap de Naze am Horizont. Im Vordergrund, was überall entsteht: neue Mauern.

25. Februar 2023Ummauerte Grundstücke im Buschland. Für kleine Tiere gibt es kein Durchkommen mehr.

Eine Fläche voller Müll. Die Müllentsorgung ist eines der großen Probleme des Landes.
Wie ich nach Guereo kam
Dass ich in Guereo eine zweite Heimat gefunden habe, verdanke ich meiner Freundschaft mit Bineta Lô. Sie hat wie ich in Köln studiert und viele Jahre als Diplomatin in Bonn und Paris gearbeitet. Später ging sie nach Senegal zurück und lebte in Dakar und in ihrem Landhaus in Guereo. Ihre herzliche Art und ihr Wirken im Ort und weit darüber hinaus machten sie für unzählige Menschen zu einer der verehrtesten Frauen.
Über drei Jahrzehnte hat Bineta mich mit Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen vertraut gemacht. Seit zwanzig Jahren haben wir in Guereo ein Zuhause.
Ich bin Geographin und Bodenkundlerin, und hier, in meiner zweiten Heimat, wollte ich mich sinnvoll und am Gemeinwohl orientiert einbringen. 2015 war es so weit. Unser Verein, seit 1987 in der ökologischen Umweltplanung tätig, war altersbedingt im Umbruch. Mein Vorschlag, die bisherigen Ziele um die nachhaltige Entwicklung zu erweitern und die Arbeit in Senegal aufzunehmen, wurde mitgetragen und die Satzung entsprechend geändert.

Bineta Lô. Über drei Jahrzehnte hat sie mich mit Land und Leuten vertraut gemacht. Sie starb Ende 2024.

25. Februar 2017Auf dem Heimweg mit der ersten Moringa-Ernte. Mit dabei: Bineta Lô.
Die ersten Jahre: Moringa
Zwischen 2016 und 2018 haben wir mit Frauen aus dem Dorf erst 300, dann noch einmal 200 Moringa-Bäume gepflanzt. Aus den Blättern sollte Pulver werden, vor allem für den Bedarf vor Ort. Eine kleinere Menge war für Deutschland gedacht: Dort gaben wir sie auf Märkten und bei Veranstaltungen gegen eine Spende ab, für den Verein und damit auch für die Frauen in Senegal.
Dafür waren Zoll und Lebensmittelprüfung bei akkreditierten Laboren zu durchlaufen. Das haben wir geschafft: 2017 lag die erste Lieferung analysiert und in Tüten verpackt bereit.

25. Februar 2017Die erste Ernte wird verlesen und gewaschen, im Schatten, von Hand.

1. März 2017Die erste Lieferung: Moringa-Blätter, im Labor geprüft und in Tüten verpackt.
Die Jahre, in denen es nicht weiterging
Zwischen 2019 und 2023 wurden wir ausgebremst: erst durch Krankheit der wichtigsten Beteiligten, dann durch die Corona-Pandemie. Ende 2024 starb Bineta Lô. Mit ihr brach die entscheidende Unterstützung vor Ort weg, vor allem bei der Landessprache und den wichtigen Kontakten. Das ganze Vorhaben stand auf der Kippe.
Dass es weiterging, liegt an zwei Dingen. Ich konnte mich mit einflussreichen Organisationen vor Ort vernetzen. Und ich habe erlebt, wie sehr ich inzwischen zur Dorfgemeinschaft gehöre. Heute gibt es wieder eine Frauengruppe, die mit uns ökologischen Landbau betreibt.
Der Neuanfang
Auf einer Gala der Organisation Nebeday in der Residenz der französischen Botschafterin lernte ich ihren Präsidenten Jean Goepp kennen. Er erzählte, dass Nebeday gerade eine kleine Fabrik aufbaut, nur sieben Kilometer von Guereo entfernt, in der vor allem Frauen Moringa und andere Erzeugnisse verarbeiten. Das passte: Wir wollten anbauen, und Nebeday suchte Erzeugerinnen in der Nähe. Heute baut unsere Ökofarm für diese Fabrik an.
Seit 2025 bin ich Mitglied der Ortsgruppe Guereo des NCD, einer senegalesischen Naturschutzorganisation, vergleichbar mit dem deutschen NABU. Aus dieser Gruppe kommen die meisten Frauen, die bei uns mitarbeiten.
Anfang 2026 habe ich, acht Jahre nach dem ersten, ein zweites Treffen in der Deutschen Botschaft in Dakar organisiert: mit der Referentin für Wirtschaft und Entwicklung und je einem Vertreter von NCD und Nebeday. Neben der Ökofarm haben wir dort das Vorhaben vorgestellt, die Boote der Lagune auf Elektroantrieb umzurüsten. Die Botschaft hielt es für vielversprechend; jetzt stellen wir dort einen Antrag auf Mikroprojektförderung.

Treffen der Arbeitsgruppe des NCD in Guereo, rechts im blauen Hemd ihr Leiter Modou Ndione.
Warum wir das tun
Wir sind kein „Hilfs“-Verein. Wir verstehen uns als Partner und helfen uns selbst.
Indem wir uns kennen und verstehen lernen, wächst Völkerverständigung, und aus Völkerverständigung Frieden. Indem wir die Natur in Guereo schützen, schützen wir auch die Zugvögel unserer eigenen Feuchtgebiete, etwa im Zwillbrocker Venn oder in den Heubachwiesen im Münsterland. Und wer zur wirtschaftlichen Existenzsicherung beiträgt, tut einen winzigen Schritt, um Auswanderung einzudämmen und historische wie aktuelle Ungleichheiten abzubauen.
Für mich ist es mein Beitrag, mich sinnvoll und am Gemeinwohl orientiert einzubringen. Ich bin dankbar, in diesen beiden Welten leben zu dürfen.
Ingrid Robbe
Guereo in Bildern
Alltag, Landschaft und Pflanzen, aufgenommen zwischen 2015 und 2024. Ein Klick zeigt jedes Bild groß; dort lässt sich weiterblättern.

14. Februar 2017Netzfischerei in der Lagune, dahinter Vögel auf der Sandbank, meist Pelikane.

28. Februar 2017Auf dem Fischmarkt in Mbour. Der Fang wird an Land verarbeitet, meist von Frauen.

28. Februar 2017Auf dem Fischmarkt.

28. Februar 2017An der Wasserstelle. In der Trockenzeit ziehen die Herden weit.

28. Februar 2017Pferde und Ziegen beim Tränken.

23. Januar 2015Ein Baobab in der Trockenzeit.

26. Januar 2024Sandwege statt Asphalt.

30. Januar 2024Gegessen wird gemeinsam, aus einer Schüssel.

11. Februar 2023Die Blüte einer besonderen Hibiskusart.

10. Februar 2017Gebügelt wird mit Holzkohle.

12. Februar 2017Die Blüte des Strophanthus gratus.

12. Februar 2017Die Früchte des Strophanthus, einer Heilpflanze aus dem Buschland.

Eine Blüte, deren Art wir nicht kennen.

Januar 2024Nach einem Buschbrand.

18. Januar 2023Vorn weiß blühende Moringa-Bäume, im Hintergrund die Lagune mit ihren Mangroven bei Flut.

Die Flussmündung der Somone.